Vom Small Talk und der Oberflächlichkeit des Gedankenkonstrukts was uns als Menschen wirklich ausmacht

Es ist nicht verwunderlich, dass in einer Gesellschaft, in welcher oberflächlichen Dingen mehr Wert zugeschrieben wird, als dem Menschen, dem Wesen, selber, die vermeintlichen Gespräche ebenso oberflächlich sind, nein. Und dennoch spüre ich jedes Mal aufs Neue, wie sehr sich alles in mir zu winden und wenden beginnt, wenn ich dieser Situation, diesem „Gespräch“, abermals ausgeliefert bin.

„Hey, wie geht’s? Was machst du zurzeit, wie läuft die Arbeit/Schule? Und die Beziehung so? Kinder geplant?“

So oder so ähnlich verläuft gefühlt jede Unterhaltung; immer und immer wieder tauchen diese gleichen Fragen auf. Die gleichen Fragen, vermutlich ebenso oftmals die gleichen Intentionen dahinter: Der Person einen gewissen Wert verleihen – oder ihr ihn nehmen wollen; sie und sich vergleichen. „Ist die Person etwas wert? Falls dem so sein sollte: Ist sie mehr oder weniger wert, als ich? Was hat sie erreicht, was habe ich erreicht?“

Gewiss hegt nicht jeder Mensch, der diese Fragen stellt, den Wunsch nach Selbstverherrlichung und möchte seinen Gegenüber abwerten, allerdings beobachte ich viel zu oft das Gegenteil. Den Wunsch danach, die Lebenssituation des anderen zu kommentieren, was in den meisten Fällen nicht dem positiven Gefühl des Gesprächspartners zugute kommt – oder aber es wird etwas vorgeheuchelt. Ich bin mir nicht sicher, was besser ist.

Fakt ist jedoch, dass ich mich laufend frage, weswegen diese Dinge eigentlich immer den Mittelpunkt eines „Gesprächs“ ausmachen (ich schreibe das Wort Gespräch übrigens in Anführungszeichen, weil es für mich keine wirklichen Gespräche sind, sondern eher Plaudereien). Warum wird scheinbar nur wertgeschätzt, was wir beruflich erreicht haben; wieso ist es so wichtig, bereits in einer langjährigen Beziehung zu sein; weshalb müssen wir die Familienplanung bereits komplett aufgezogen haben? Sind das Dinge, die uns als Menschen, uns als Persönlichkeiten, wirklich ausmachen?

Bin ich nur etwas wert, wenn ich einen Beruf ausübe, der mir monatlich mindestens 4.000 € netto einbringt, wenn ich verheiratet bin und zwei Kinder habe? Und ist es das, was mich ausmacht? Der Job, der Beziehungsstatus, die Kinder?

Es tut mir unablässig in der Seele weh, wenn oder eher dass wir uns gegenseitig nur anhand solcher Dinge bewerten. Seien wir doch ehrlich zu uns selbst: Hat jemand einen „guten“ Beruf, engagiert sich für tolle, soziale Projekte und verbreitet gute Laune, wird diese Person automatisch als super klasse eingestuft. Hat jemand zurzeit keinen Job, engagiert sich für tolle, soziale Projekte und verbreitet gute Laune, ist diese Person jedoch wieder weniger wert, wird als geringer eingestuft; für viele ist er gar ein lästiger Schmarotzer. Wie kann das sein, wie kann das gerecht sein? Jedoch ist es durchaus naiv, in dieser Gesellschaft von Gerechtigkeit zu sprechen. Öfter, als nicht, ist es eine Illusion und es schmerzt mich sehr.

Ekuase lächelnd im Schnee

Aber apropos „guter Beruf“: Was genau ist denn ein „guter“ Beruf? Was ist eigentlich „gut“? Ein Job, der mir Spaß macht? Ein Job, der viel Geld bringt? Ein Job, mit dem ich anderen Menschen helfe? Oh, nein, letzteres ganz gewiss nicht – zumindest nicht dann, wenn ich kein hochgeschätzter Arzt bin, denn als Pflegekraft genießt man keine Wertschätzung, im Gegenteil. Dabei sind Pflegekräfte so unheimlich wichtig. Genauso wenig ist ein „guter Beruf“ einer, der mir Spaß bereitet, denn „Spaß zahlt keine Miete“ – diesen Satz habe ich so, so oft gehört – und doch, gewiss tut er das.

Sind es nicht unsere Visionen, Träume, Wertvorstellungen und Hobbys, die uns ausmachen? Sind es nicht unsere Gedanken und Wünsche, unsere Leidenschaften? Die Dinge, für die wir wirklich brennen? Ist es nicht das, was uns ausmacht?

Denn dann, wenn all unser Hab und Gut auf einen Schlag verschwunden ist, wir die Kündigung erhalten, unsere Familie fort ist, dann sind wir immer noch die, die wir sind. Wir sind immer noch vollwertige Menschen und nicht weniger wert.
Wir sind eigenständige Persönlichkeiten, haben einen Charakter. Wir sind wir: mit oder ohne Job, mit oder ohne Partner, mit oder ohne Familie, mit oder ohne Luxusauto oder, oder, oder. Wir sind auch dann vollwertige Teile der Gesellschaft, wenn wir uns gegen einen Partner entscheiden, keine Kinder haben und auch dann, wenn wir eine komplett andere Form der Karriere anstreben – oder auch gar keine und wir unseren Rucksack packen und mit anderen gemeinsam auf einer Insel leben. Wir sind immer noch wir. Wir haben immer noch unseren Charakter und dieser Charakter macht uns letztlich zu dem, was und wer wir sind. Er macht uns aus, denn bin ich Single, bin ich arbeits- und kinderlos bin ich immer noch ich. Ändere ich meinen Stil, beantrage ich eine Personenstandsänderung, meine Frisur, lasse ich mich tätowieren, unterziehe mich einem kosmetischen Eingriff oder wandere aus, bin ich immer noch derselbe Mensch. Sicherlich entwickelt sich der Mensch im Laufe seines Lebens, verändert seine Sichtweise, der Kern in uns bleibt aber letztlich derselbe.

Wie oft arbeiten wir in Berufen, für welche wir eigentlich nicht brennen, um unsere Rechnungen bezahlen oder um uns einfach etwas leisten zu können? Ich würde vermuten, dass die Meisten von uns bereits Nebenjobs ausgeübt haben, die eigentlich nur Mittel zum Zweck waren. Nicht anders geht es vielen Menschen, die einen Vollzeitjob ausüben, der ihnen nicht sonderlich viel Freude bereitet (oder auch gar keine), um primär einfach über die Runden zu kommen. Fragt man dann eine Person, welche sich in dieser Situation befindet „Was macht der Job?“ – nun, was soll man darauf antworten? Denn antwortet man mit der Wahrheit, nämlich dass besagter Job nicht das ist, was man sich für den Rest des Lebens wünscht, hat man in den Augen vieler gleich versagt, vergeudet seine Zeit o. ä. Wir leben aber nunmal nicht in einer idealen Welt, in welcher jeder die Möglichkeit und die Chance hat in dem Beruf zu arbeiten, in welchem er arbeiten möchte. Ja, der Job kann etwas über uns aussagen, meiner Meinung nach aber nicht unbedingt, wenn er nur Mittel zum Zweck ist. Er macht nicht aus, was und wer wir sind, weswegen ich mich in vielen Unterhaltungen darüber ärgere, wenn diese Thematik groß aufgezogen und rasch zum Hauptthema wird, denn am Ende des Tages ist es doch letztlich wirklich sehr uninteressant, als was jemand arbeitet, wenn es nichts ist, wofür die Person brennt oder, wenn es kein wirklich „bizarrer“ Beruf ist, der ausgeübt wird, denn ich möchte die Person hinter all den Facetten kennenlernen. Was sie liebt, was ihre Ideale sind, was sie in ihrer Freizeit gern macht, welche „Ticks“ sie hat, was sie berührt, hinter was sie steht. Gerade auch, da es unheimlich viele Personen gibt, welche sich noch in der Findungsphase befinden, finde ich diese Fragen doch viel, viel interessanter – und in dieser Phase zu sein ist absolut nicht falsch, sondern sehr richtig.
Selbstverständlich kann ich die Frage nach dem Beruf nachvollziehen, denn auch ich finde es interessant und er ist etwas, das zu der Person dazugehört, immerhin verbringen wir wahrscheinlich den Großteil unseres Lebens damit zu arbeiten (traurig genug, wenn man mich fragt, wenn man den Beruf nicht liebt und voll in ihm aufgeht), aber eben nicht, wenn der Beruf mit dem Wesen der Person nichts gemein hat. Ich finde dieses Thema erst dann wirklich spannend, wenn mein Gegenüber in seinem Beruf aufgeht und wirklich dafür brennt. Ich hoffe man kann meinen Gedankengängen folgen.

Ja, es ist schwierig sich von diesem Gedankenkonstrukt „Du bist nur etwas, wenn du einen gut bezahlten Job hast, verheiratet bist und Kinder hast“ loszusagen, besonders von dem Teil mit dem guten Job, aber wir sollten es versuchen. Sicher, auch ich habe nicht immer so gedacht, wie ich jetzt denke, immerhin wird einem bereits sehr früh von allen Seiten eingeflößt, dass diese Dinge das Allerwichtigste, das A und O des Lebens sind. In der Schule hört man es Tag für Tag, von außerhalb, aus den eigenen Reihen. Es ist ein regelrechter Wettbewerb (und diesen Wettbewerb gab es bereits vor hunderten von Jahren, nur an die damaligen Begebenheiten angepasst, logisch).
Ich persönlich finde es oftmals Tag für Tag, je nach Stimmungslage, immer noch schwierig mir vor Augen zu halten, dass es okay ist noch nicht dort angekommen zu sein, wo ich gern hin möchte und ebenso ist es okay, andere Ideale, andere Ziele zu haben als andere.

Anders, als man nun nach den bisherigen Zeilen eventuell annehmen könnte, finde ich Small Talk nicht verwerflich, nein. Gespräche beginnen, meiner Meinung nach, nunmal irgendwie mit Small Talk. Als ich früher auf Dating Apps unterwegs war und mich durch die Profile klickte, las ich ab und an „Auf ein ‚Hey, wie geht’s?‘ antworte ich nicht!“ und fragte mich, was genau die Person nun zu lesen erwartet, denn, so dachte ich mir, wird dieser Mensch auf ein ‚Hallo, deine Fotos wirken sehr sympathisch‘ wahrscheinlich genauso nicht reagieren, da alles unter Small Talk fällt.
Manchmal möchte ich aber auch gar keine tiefgründigen Gespräche führen, weil die Chemie mit vielen Personen einfach nicht stimmt oder man nach ein, zwei Sätzen gleich merkt, dass man nicht einmal auf einer ähnlichen Wellenlänge ist. Ich liebe es zwar, intensive Konversationen zu führen, jedoch müssen einige Faktoren dann einfach stimmen. Selbst dann, wenn man nicht der gleichen Meinung ist, kann man ein wunderbares Gespräch haben. Wenn es zwischen der Person und mir aber einfach nicht passt, dann ist mir meine Zeit und Energie ehrlicherweise einfach zu schade.

Nicht zu verachten sind ebenso die Auswirkungen auf unsere Psyche, denn halten wir stets oben genanntes Lebensideal hoch und geben jedem klar zu verstehen, dass nur dieses Leben lebenswert und wertvoll ist, dass es nur dieses Leben ist, das uns ausmacht, so setzen wir uns und andere permanentem Stress aus. Stress, der nicht notwendig ist und unsere Psyche auf Dauer immens schädigen kann, denn jeder von uns hat doch sein eigenes ideales Leben im Kopf. Nicht jeder möchte CEO sein, nicht jeder verheiratet, nicht jeder möchte Kinder. Wieso soll es dann falsch sein – und weswegen sollte es uns etwas angehen, wie andere über ihr Leben entscheiden, solange es mir nicht schadet, denn ich lebe mein Leben und andere das ihre.

Dies sind meine Gedanken zum Thema „Was macht einen Menschen wirklich aus?“ – wie seht ihr die Situation, seid ihr anderer Meinung? Habt ihr euch mit diesem Thema bereits beschäftigt? Wenn ja: Zu welchem Schluss seid ihr gekommen, was macht in euren Augen jemanden aus?

𝙵𝙾𝙻𝙻𝙾𝚆, 𝙻𝙸𝙺𝙴 𝙰𝙽𝙳 𝚂𝙷𝙰𝚁𝙴
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4 comments

  1. Ich bin hier zum ersten Mal gelandet, aber muss sagen, dass mir der Beitrag gleich mal aus der Seele spricht! Ich kann diese oberflächlichen Fragen schon gar nicht mehr hören! Wirklich interessieren tut es die meisten Leute nicht „Wie es geht“ oder was die Arbeit macht … über Beziehung will ich gar nicht erst reden! Meistens oder nein eigentlich immer sag ich nur „gut“, weil ich auf Oberflächlichkeit auch oberflächlich reagiere.

    Liebe Grüße
    Jana

    1. Vielen Dank, Jana, das freut mich sehr! Liebe Worte von dir. 🙂
      Leider hast du Recht, oftmals ist „Wie geht es dir?“ die obligatorische Frage, die gestellt wird, um gestellt zu werden. Ich bin froh von mir behaupten zu können, dass ich sie stelle, weil es mich wirklich interessiert. Nun ist es aber auch oft so, dass man auch nicht unbedingt über die eigene momentane Situation sprechen möchte. Vor allem nicht mit Leuten, die einem nicht nahestehen. Alles nicht so einfach.

  2. Unser Job und Einkommen macht uns sicherlich nicht aus und die Menschen, die so denken, haben es gar nicht verdient in unser Leben gelassen zu werden 😉
    Ich bin nicht mit einem „du musst immer besser sein“ erzogen worden und das ist das, was mich eigentlich so zufrieden macht – nämlich das zu haben, was ich mir selbst erarbeitet habe.

    1. So ist es; die Menschen in unserem Leben sollten sich dafür interessieren, wer wir sind, was uns erfreut etc. 🙂
      Eine schöne Sache, finde ich! Ich glaube man wächst auch ganz anders auf und entwickelt sich anders, wenn man nicht „Du musst besser sein!“ vermittelt bekommt. Vielmehr sollte man seinem Kind wohl einfach sagen „Gibt dein Bestes“. 🙂

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