With Ink and Love – First Sleeve Session

„Möchtest du einmal ein Tattoo haben?“, fragte mich meine Cousine im Strandurlaub, das Eis fest in ihrer kleinen, zierlichen Hand.
„Nein, niemals. Ich würde mich niiieeemals tätowieren lassen!“, entgegnete ich kopfschüttelnd.
„Nicht? Nicht einmal für…hmmm… Nicht einmal für mehrere Millionen?“
„Nein, auch nicht für mehrere Millionen! Niemals! Keine Tattoos! Und Piercings auch nicht!“

Hier bin ich also, ca. 12 Jahre später.
Die Nadel hat meinen Körper nun über dreißig Mal durchstochen. Drei meiner zehn Ohrlöcher wurden gedehnt; eins davon auf 20 Millimeter. Eins ist gesplittet.
Mein erstes Piercing? Mein Septum. Wurde selbstverständlich, wie es bei den rebellierenden Teenagern nunmal ist, spontan gegen 1 oder 2 Uhr nachts selbst gestochen, weil…ihr wisst schon. YOLO. F*ck the system.
Wie sieht es mit Tattoos aus? Habe ich welche? Jap, positiv. Habe ich. Meine Haut zieren bislang zwei eher kleinere Tattoos. Mein linkes Handgelenk eine neotraditionelle Rose. Ach und mein Oberarm? Tja, der gleicht einem bunten T-Shirt-Ärmel.

Habe ich mehrere Millionen dafür bekommen? Leider nein. Es fühlt sich aber so an, als hätte ich mehrere Millionen für meine Body Modifications ausgegeben. Dennoch ist bislang kein Ende in Sicht, was meine Tattoos angeht. Früher waren die meisten Tattoos eher großflächig geplant. Mittlerweile denke ich an etwas kleinere Exemplare, allerdings werden diese möglicherweise wiederum aussehen, wie großflächige Tattoos, da ich ein paar mehr bunte Bildchen auf meinem Körper haben möchte. ^^
Eine neue Idee, die ich möglichst noch dieses Jahr umsetzen wollen würde, habe ich natürlich auch schon in petto.

Im heutigen Beitrag möchte ich euch von meiner ersten Sleeve-Sitzung berichten, welche gleichzeitig ebenso meine erste Erfahrung mit einem großflächigen Tattoo ist, da meine anderen drei, wie bereits im ‚Intro‘ erwähnt, eher klein(er) gehalten sind.

Ekuase mit Sleeve-Tattoo

Eins kann ich euch auf jeden Fall schonmal sagen: Es war anstrengend. Es war irgendwann wirklich einfach nur noch anstrengend.

Die Fertigstellung des ersten Teils meines Sleeves hat ungefähr achteinhalb Stunden gedauert.
Diese Zeit verging allerdings recht schnell. Gut, ich habe aber wiederum sehr viel Geduld und finde Wartezeiten nicht besonders schlimm – es sei denn der Autofahrer vor mir fährt 50, wenn 100 km/h erlaubt wären.
Morgens.
Wenn ich es eilig habe.
Sehr eilig.
Da habe ich absolut keine Geduld. Absolut nicht – schuldig im Sinne der Anklage.

Angefangen hat der spektakuläre Tag (3. November 2016) recht früh, da ich eine knapp zweistündige Autofahrt vor mir hatte. Das Parken, worum ich mir immer die meisten Sorgen mache, war glücklicherweise optimal, da es ungefähr 100 m weiter ein Parkhaus gab, welches 24 Stunden offen war. Es gibt m. M. n. nichts schlimmeres, als an einem Ort zu sein, an dem es nirgendwo eine Parkmöglichkeit gibt – gut, Abgeschleppt zu werden ist wahrscheinlich noch schlimmer, aber das können wir an dieser Stelle ausklammern.

Nach meiner Ankunft gab es erst einmal eine relativ lange Wartezeit. Aufgeschlossen wurde das Studio nämlich gegen 10 Uhr morgens, mit dem Tätowieren begann mein Tätowierer, welcher übrigens jünger war, als ich, was ich im ersten Moment aus irgendeinem Grund recht witzig fand, letztlich gegen 13 Uhr. Vorher hat er mein Tattoo am Computer erstellt, den Entwurf ausgedruckt und mir seine Idee präsentiert, welche er aus meinen Vorstellungen und dem Ideenpool, den ich zuvor mitbrachte und ihm zeigte, designt hat. Danach haben wir den Ausdruck an meinen Arm angelegt und geschaut, ob es von der Größe her passen würde.

Ursprünglich machte ich den Termin, um mir meinen Unterarm tätowieren zu lassen. Im Laufe der Zeit änderte ich jedoch meine Meinung und ich wollte doch lieber ein Full Sleeve.
Aus diesem Grund wäre es unklug gewesen, hätten wir bei dem Projekt, welches uns bevorstand, mit dem Unterarm begonnen.
Den Entwurf platzierten wir letztlich also doch auf meinem Oberarm, da allein das Motiv dort um einiges ästhetischer ist.

Nachdem wir mit der Platzierung zufrieden waren, hat er das Motiv auf eine Art „Transparentpapier“ übertragen, es auf meinem Arm angebracht, noch ein paar Korrekturen vorgenommen und dann ging die Session los.

Kommen wir zu der Frage, die ich in 99% der Fälle als erstes gestellt bekomme: Hat es (sehr) wehgetan?

In manchen Momenten klang mein Gedankengang wie folgt: „Wenn du noch ein einziges Mal mit diesem Tuch über meinen Arm wischst, zerreiße ich dich.“ – Für die, die mit diesem Satz nichts anfangen können: Wenn ein Tätowierer eine Person tätowiert, so muss er zwischendurch immer mal wieder mit einem Tuch über die zu tätowierende Stelle wischen, um ordentlich, sauber und genau arbeiten zu können. Während des Tätowiervorgangs tunkt der Tätowierer seine Tattoomaschine immer wieder in seine Farbe. Die Farbe, welche aufgenommen wird, geht aber nicht zu 100% unter die Haut, sondern nur ein Teil dieser. Die Tinte, die dann nicht in die Haut gelangt, bleibt an der Hautoberfläche und läuft leicht aus. Dieser Farbüberschuss behindert die Sicht, sodass an dieser Stelle das Wischen von Nöten ist. Doch nicht nur die Farbe behindert den Tätowiervorgang, sondern auch das Blut, welches aus der Haut austritt. Das ist nichts schlimmes, denn immerhin reden wir davon, Farbe mithilfe einer Nadel (bzw. mehreren) unter die Haut zu bringen. Es ist natürlich, dass bei diesem Prozess Blut austritt – bitte stellt euch an dieser Stelle keine Blutlache vor, denn so schlimm ist es nicht. 😉 Dieses Wischen, das in diesen Situationen erforderlich ist, um das gewünschte Ergebnis zu liefern, irritiert nach einer Zeit jedoch die Haut, logisch, sodass es zu brennen beginnt und zunehmend unangenehm wird, bis es irgendwann wehtut. So sehr, dass ich irgendwann Gänsehaut bekommen habe.

Was ich ergänzen muss ist, dass ich nicht sonderlich schmerzempfindlich bin. Bei all meinen Piercings, gedehnten Ohrlöchern und Co. verspürte ich in neun von zehn Fällen keinerlei Schmerz. Bei meinem Conch-Piercing zog ich lediglich meine Breuen zusammen, was aber daran lag, dass mein ehemaliger Piercer scheinbar einen Nerv getroffen hat, sodass ich den Rest des Tages Schmerzen hatte und kaum essen konnte, weil mir das Öffnen meines Mundes Schmerzen bereitete.

Das tatsächliche Stechen des Tattoos war an einigen Stellen kaum bis gar nicht spürbar. Hin und wieder schaute ich auf meinen Arm und auf Dmirty, meinen Tätowierer, um nachzusehen, ob er überhaupt noch sticht. An anderen Stellen hatte ich die Sehnsucht danach, einfach tot umzufallen, um am Ende bzw. nach der Fertigstellung des Tattoos wieder in das Reich der Lebenden zurückzukehren (vor allem, weil er eine (temporäre) Leiche selbstverständlich weitertätowieren würde – ich meine…wäre ja schließlich blöd, mit einem unfertigen Tattoo beerdigt zu werden, gell?).
Spaß beiseite: An manchen Stellen, nämlich dort, wo es eher Richtung Innenarm ging (Hallöchen, Winkarm! Du kleiner, süßer), war es wirklich schmerzhaft. Wirklich schmerzhaft. Zwischendurch bin ich an einem Punkt angekommen, an welchem ich mich wortwörtlich fast übergeben musste. In dem Moment signalisierte ich Dmitry, dass ich eine kurze Pause brauchte, was für ihn absolut kein Problem darstellte.
Nach ca. fünf Minuten ging es dann weiter, denn ihr wisst doch: Nur die harten kommen in den Garten.

Zusammenfassend kann ich zu den Schmerzen sagen, dass es beim Stechen auf die Stelle ankommt. Nicht jede Körperregion tut gleichermaßen weh. Einen Zentimeter weiter links kann die Schmerzintensität deutlich stärker sein, als einen Zentimeter weiter rechts. Und, jetzt kommt der Klischeesatz, der aber nunmal der Tatsache entspricht: Nicht jeder Mensch empfindet Schmerz gleich. Dazu habe ich ein Beispiel von einem meiner zig Besuche beim Piercer: Eines Abends stattete ich dem Studio einen Besuch ab, da ich den Wunsch hatte, ein Tragus gestochen zu bekommen. Vor mir war eine junge Frau dran, welche den gleichen Wunsch hegte. Sie jedoch schrie kurz auf und verließ nach einigen Minuten weinend den Raum. Ich hingegen spürte gar nichts. Nichts. Das einzig „Komische“ war, dass sich das Durchschieben der Nadel so anhörte, als steche der Piercer durch Styropor. Dies empfand ich als ein wenig befremdlich, da ich zuvor von anderen stets etwas von einem „Knacksen“ hörte.
Von Schmerzen war aber keine Spur. Glücklicherweise.

Vielleicht noch ein paar Worte zur Body-Modification-Szene…

Leider habe ich mitbekommen, dass viele Menschen in der Body-Modification-Szene ein wenig allergisch darauf reagieren, wenn jemand fragt, ob ein Piercing, ein Tattoo, ein Implantat o. ä., welches ihren Körper ziert, wehgetan hat. Einige reagieren auf diese Frage nicht sonderlich freundlich oder antworten recht überheblich.
Ich empfinde diese Frage als völlig legitim, denn obwohl jeder Mensch Schmerz anders definiert oder ihn anders empfindet, so ist es doch beispielsweise hilfreich zu wissen, dass bestimmte Körperregionen von vielen Leuten, die befragt wurden, als schmerzhafter empfunden werden, als andere oder? Die Innenseite des Arms gilt beispielsweise bei einer großen Menge von Tätowierten als eine äußerst unangenehme bzw. schmerzhafte Stelle. Der Unterarm hingegen gilt als weniger schmerzhaft.
Ich persönlich gehöre zu den Menschen, die andere ebenfalls fragen „Und? Hat es wehgetan? Wie fandest du es?“.
Ich finde diese Frage nicht schlimm. Sie ist irgendwann ermüdend, ja, da ich in all den Jahren schon gefühlt zehntausend Mal beantworten musste, ob dieses oder jenes Piercing schmerzhaft war, aber ich finde es vollkommen in Ordnung und freue mich oftmals darüber, anderen Rede und Antwort zu stehen, sofern ich spüre, dass mein Gesprächspartner wirklich daran interessiert ist, denn es gab schon Personen, welche zwar nachfragten, sich aber eher über Body Modification lustig machten. Zudem gab es auch die Fälle, die zwar Fragen stellten, im Grunde allerdings keinerlei Interesse an einer Antwort hatten, da sie so oder so auf ihrer „Anti-Schiene“ verbleiben würden. Ganz egal, wie meine Antwort ausfällt. Die Hauptsache war für diese Personen, dass sie eine Sache schlechtreden konnten, an der andere, in dem Falle ich, Spaß und Freude hatten. Ich denke wir alle kennen solche Personen – mindestens eine.

Ich finde gerade weil wir „Body Modder“ von der Gesellschaft leider immer noch überwiegend abwertende Blicke zugeworfen bekommen und ebenfalls immer noch ausgegrenzt und als „asozial“ bezeichnet werden – Diskriminierung und Schubladendenken pur –, sollten wir in mancherlei Situation sehr freundlich, zuvorkommend und kompetent auftreten. Denn dann sehen die Menschen, die vorher möglicherweise ein schlechtes Bild von uns hatten – frei nach dem Motto „Ah, ein Lippenpiercing. Bestimmt drogenabhängig und ohne Manieren.“ –, dass wir trotz Körperschmuck „vollkommen normale Menschen“ sind, die es einfach mögen, ihre Haut zu schmücken. Denn im Großen und Ganzen ist es genau das: Wir mögen es einfach. Wir finden es schön. Wir gestalten unseren Körper gern. Und das hat absolut nichts mit Kriminalität, „asozialem Verhalten“, Bildungslücken, Drogenkonsum o. ä. zu tun.
Schade, dass ich diesen Absatz überhaupt noch schreiben muss, aber leider finde ich mich bis heute noch ab und an in Situationen wieder, in welchen man mir nach einer Weile mitteilt: „Anfangs dachte ich, dass du total…anders bist. Irgendwie so…unfreundlich. Gar nicht so nett und humorvoll. Ich dachte außerdem, dass du immer Alkohol trinkst. Joa. Und am Wochenende dann halt auch mal was einschmeißt. Wegen der Piercings halt.“ – Ich denke nicht, dass ich dazu noch etwas sagen muss.
Ich lebe übrigens straight edge.

Puh, langer Beitrag. Wer bis hierhin gelesen hat: Freut mich, dass du so interessiert an meinem Post bist. ☺️ Verrate mir doch in den Kommentaren, ob du auch gepiert oder tätowiert bist oder vielleicht hast du ja andere Modifikationen? Wenn ja: Wurdest du auch schon in die „Asi-Schublade“ gesteckt? Und, wenn du keinerlei Body Modifications an dir hast: Welche Vorurteile hattest (oder hast) du gegenüber Leute mit Tattoos und Co.?

𝙵𝙾𝙻𝙻𝙾𝚆, 𝙻𝙸𝙺𝙴 𝙰𝙽𝙳 𝚂𝙷𝙰𝚁𝙴
error
Write a response

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Close
© 2019 EKUASE.COM
Close
Scroll Top