Wenn vergessene Kindheitsträume unverhofft anklopfen

Schon lange hatte ich damit abgeschlossen, meinen Traum verworfen. Groß „Hoffnungslos!“ auf ein Post-It geschrieben, schön dick mit Edding, damit es unübersehbar ist, und in die „Auf Nimmerwiedersehen“-Kiste verbannt. Zu groß die Enttäuschung.

Manche Träume hat man nunmal ausgeträumt oder aber auch einfach nur erkannt und begriffen, dass besagter Traum eben doch nur ein Hirngespinst ist, welches manchmal aber doch einen sehr großen Wert für unseren weiteren Lebensweg hat. Der Mensch entwickelt sich konstant weiter, jeder Tag hat Einfluss auf das, was darauf folgen wird, wenngleich es uns nicht stets bewusst ist, denn jeden Tag werden Entscheidungen getroffen, müssen Entscheidungen getroffen werden. Ob wir wollen oder nicht.
Manche Entscheidungen bereuen wir unser ganzes Leben lang. Andere Entscheidungen waren wiederum womöglich das Beste, das wir je getan haben und wir werden jeden Tag unseres Lebens dafür dankbar sein.

Wir haben mehr in der Hand, als wir ahnen. Das Traurige daran ist nur, dass wir uns diese Tatsache nicht stets vor Augen halten.

Oft habe ich die Entscheidung, von der ich euch heute erzählen werde, bereut. Denn, wenn man das Ausmaß betrachtet, hat sie wohl mein ganzes Leben verändert. Ich wäre womöglich nicht an dem Punkt, an welchem ich mich gerade befinde, hätte ich meine Leidenschaft nicht vor die Hunde gehen lassen. Es schmerzt mich daran zu denken, aber ich denke, dass nichts grundlos passiert.

Mittlerweile ist es gut zehn Jahre her, als ich mir sagte: Du, du wirst Modedesignerin.

Jeden Tag zeichnete ich, wirklich jeden Tag. War eine Zeichnung fertig, so folgte die nächste. Der Verschleiß an Zeichenstiften und Farbstiften war sehr groß, aber was tut man nicht alles für das, was man liebt? Letztlich ist es ähnlich, wie in einer Beziehung: Hin und wieder muss man kompromissbereit sein.
In meiner Zeichenmappe tummelten sich Entwürfe, Figuren, Accessoires, Kleidung etc. Ich liebte es einfach – und so entwickelte sich auch mein kleiner, großer Traum, eines Tages einmal eine bekannte Modedesignerin zu werden.

Es war glasklar, ich wusste ganz genau, dass dieser Weg mein Weg war und entwarf viele verschiedene Dinge. Nicht alles gefiel mir, vieles bearbeitete ich, sortierte anderes aus, begann nochmal von vorn. Wie es eben so ist, wenn man an etwas arbeitet, nicht wahr? Ich übte und erfreute mich daran, Fortschritte erkennen zu können, doch es gab eine Sache, die mir einfach nicht gelingen wollte. Diese Kleinigkeit kostete mich letztlich sehr viel.

Das Einzeichnen von Faltenwürfen.

Ich wurde immer ungeduldiger, verlor immer mehr Spaß an der Sache, bis ich letztlich das Handtuch warf und meinen Traum aufgab.

Es war nicht nur das Zeichnen von Mode und Accessoires, das ich aufgab. Es war das Zeichnen im Allgemeinen. Diese Frustration saß so tief, dass ich all mein Zeichenequipment nahm, es entfernte und seither, bis zu meiner Ausbildung, gab es kein Zeichnen mehr.
Nie mehr.

Schneiderpuppe mit Maßband
© Fancycrave / fancycrave.com

Nein, es war nicht nur das Zeichnen, das ich aufgab.
Es war ein Teil meiner selbst.

Auch während der dreijährigen Ausbildung im Medienbereich, in welchem wir immer und immer wieder manuelle Entwürfe anfertigen mussten, hasste ich es. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich bereits seit ca. fünf Jahren in Zeichenabstinenz, hatte nie auch nur daran gedacht, je wieder zeichnen zu wollen. Ich hasse es einfach. Ich hasste es.
Trotz heimlichen Hoffens, dass meine Ausbildung mich langsam wieder lehren würde, Freude am Zeichnen zu entwickeln war da nichts. Nein, im Gegenteil. Es war die reinste Qual, allerdings mitunter daran, dass mir die Ausbildung an sich nicht gefiel, leider. Ich fand sie ziemlich fürchterlich. Ermüdend und demotivierend.
Leider, denn meine Hoffnungen waren groß.

Ich dachte, es würde nie zurückkommen, dieses Gefühl von „du bist zu Hause, willkommen zurück“.

Nachdem nun in den letzten Wochen gefühlt mein halbes Leben aus allen Fugen geriet, ich den Überblick über den größten Teil von allem verlor und ich auch noch jetzt in diesem Moment, in welchem ich diese Zeilen hier tippe, einfach überfordert mit all den Entscheidungen bin, die es nun, da ich meine allgemeine Hochschulreife beendet habe, zu treffen gilt, gab es jedoch einen Moment, in dem mein alter Traum aus dem Winterschlaf erwachte.
Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich schon längst vergessen, dass es ihn einst gab. Zu groß war die Frustration, zu enorm die „Qualen“ der Ausbildungsjahre. Zu enttäuschend eifach alles.
Ich weiß nicht, ob ihr es kennt, aber, wenn ihr zu etwas gezwungen werdet, das ihr einfach nicht mögt, vielleicht sogar verabscheut – und das über Jahre –, dann könnt ihr euch vorstellen, wie es in mir aussah.

Eigentlich kaum vorstellbar, dass man etwas so sehr hassen kann, das man einst so innig liebte.

Durch eine Aneinanderreihung unglücklicher Ereignisse (vielleicht ja auch glücklicher Ereignisse, wer weiß das schon) kam es nun dazu, dass mein Teenietraum der Modedesignerin wieder aufblühte. Ich weiß nicht, wie genau es passierte, doch es passierte und ich fühle mich gut, wenn ich daran denke. Es ist nicht das Zeichnen, das mich fröhlich stimmt, wenngleich ich keinen Hass mehr verspüre, wenn ich daran denke, sondern Trauer aufgrund meiner Entscheidung es aus meinem Leben zu verbannen, sondern der Gedanke daran, Mode zu erschaffen. Meine Fantasie, meine Leidenschaft mit meinen eigenen Händen real werden zu lassen. Zu nähen, zu entwerfen. Mein Inneres nach außen zu bringen. Etwas zu kreieren, das ich liebe. Wofür ich bereit bin, Zeit und Energie hineinzustecken.

Ich frage mich, wieso es manchmal so sein muss. Wieso man etwas wegwirft, das einen doch so unfassbar glücklich gemacht hat. Es erfüllte mich. Wenn ich ehrlich bin, dann erfüllte es mich mehr, als Beauty, mehr, als eigentlich alles.
Und ich habe es weggeworfen, weil der Faltenwurf nicht ganz mitspielte. Wie bescheuert konnte ich nur sein?! Nun. Man lernt aus seinen Fehlern, nicht wahr?

Zurzeit überlege ich ein Studium in diesem Bereich zu beginnen. Ich möchte wieder zurück zu mir selber und mich verwirklichen. Sollte es nicht funktionieren, werde ich die Route trotz allem wieder aufnehmen.

Was ich euch heute also auf den Weg mitgeben möchte: Was oder wen auch immer ihr liebt, haltet es/ihn/sie fest. Wenn ihr eine Leidenschaft habt, dann verfolgt sie. Lasst euch nicht in eure Schranken weisen (wenn ihr es nicht verdient habt) oder entmutigen.
Wenn ihr etwas gefunden habt, das ihr liebt, dann haltet es, bewahrt es auf. Denn letztlich geht es doch immer um sie, um die Liebe.

𝙵𝙾𝙻𝙻𝙾𝚆, 𝙻𝙸𝙺𝙴 𝙰𝙽𝙳 𝚂𝙷𝙰𝚁𝙴
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